Nov.
2021

Veröffentlichung:
Sascha auf der Kama in Sibirien

In Sibirien entdeckte ich den Fluss Kama zum ersten Mal, als ich eines Morgens in unserem Barackenzimmer noch auf der Pritsche lag, und jemand von den Mitbewohnern plötzlich in Panik schrie: 
„Überschwemmung, das Wasser steht schon im Zimmer, wir werden alle ertrinken!“ Es war meine erste Bekanntschaft mit der Dramatik, die von einer Naturgewalt ausgehen kann. Für immer blieben mir die verschiedenen Jahreszeiten mit unvergesslichen Bildern in Erinnerung,
besonders der Frühling: Wenn nach dem langen Winter die ersten Sonnenstrahlen das dicke Eis zum Schmelzen bringen und die Eisschollen sich durch die Strömung krachend in Bewegung setzen. 

Unten der LINK zu den Herausgaben in Frankreich

Beim Vorlesen:
Ich musste an Tom denken, ja an Tom von Twain auf dem Mississippi...

VI. Lebe wohl, geheimnisvoller Meteorit!
Wladimir hielt das Steuerrad fest in der Hand
und blickte konzentriert und mit finsterer Miene
nach vorne, dabei fluchte er leise vor sich hin.
Sascha verstand nicht, worum es ging. Nach alledem,
was er in den letzten Tagen gesehen und
verstanden hatte, hatte er das Gefühl, ein Eindringling
in ein fremdes Haus zu sein. Es wurde
ihm bewusst, dass er wahrscheinlich für Wladimir wie ein Klotz am Bein sein würde, dass seine Gegenwart es Wladimir schwierig machen würde, für sein eigenes Leben freie Entscheidungen zu treffen. 

Sascha stand in einer Ecke und schaute
auf seinen Papa, auf den Menschen, der in seinen
Augen noch vor Kurzem ein böser, brutaler Dieb
gewesen war.
Jetzt wusste er, es waren widrige Umstände, die
Wladimirs Lebensweg zerstört hatten. Diese Umstände
waren mit Wladimir wie ein Töpfer mit
dem Ton umgegangen und hatten aus ihm ein
böses Etwas geschaffen. Sascha dachte daran zurück,
wie er sich selbst noch vor Kurzem durch
Stehlen in der Nähe seines Dorfes versorgt hatte.
Was wäre aus ihm geworden, wenn Wladimir ihn
nicht mitgenommen hätte? Eine tiefe Angst überfiel
ihn, den Menschen, der ihm jetzt alles bedeutete,
zu verlieren. Wie gerne hätte er ihn einfach
berührt und ihm Gute Nacht gewünscht, aber
sein Papa war mit dem Steuer zu einer Art Statue
verschmolzen. Er war verstummt, kein Wort
war gefallen, seitdem sie wieder unterwegs waren.
Man hörte nur den Wind und das Rauschen
des Motors, mal höher, mal tiefer.


2022

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